Bilder © divers & privat

NRV OLYMPIC TEAM Kiterin Leonie Meyer verfolgt ihren "WEG NACH MARSEILLE" beharrlich und konstant. Dabei ist sie gleichzeitig Mutter eines nicht ganz gesunden Kindes und begleitet ihren Sohn intensiv durch alle Behandlungsprozesse. Das Nationenticket für Marseille löst sie trotzdem. Für Freunde, Förder und die Partner des NRV Olympic Team hat sie ihr Jahr 2023 mit allen Höhen und Tiefen aufgeschrieben: 

Hallo liebe Freunde und Unterstützer des NRV Olympic Teams! 

In diesem Jahr habe ich meinen großartigen Teamkameraden aus dem Olympic Team den Vortritt gelassen für all die interessanten Berichte, daher kommt heute von mir nicht nur ein Bericht über die vergangene Europameisterschaft, sondern auch ein kleines Resumee von der gesamten Saison.

Der Einstieg in die diesjährige Saison war genau so holprig wie der Ausstieg aus der vorherigen. Gleich nach der Weltmeisterschaft auf Sardinien, durch die ich mich ein paar Tage nach Covid Infektion quälte und die ich dann doch mit dem 9. Platz abschließen konnte, ging für mich und meinen Sohn die Reise in eine ganz andere Welt auf einem ganz anderen Kontinent. Insgesamt viereinhalb Monate verbrachten Levi und ich in Florida, um die angeborene, sehr seltene Fehlbildung seines Unterschenkels behandeln zu lassen. Die Entscheidung für Florida fiel nach vielen Monaten der Recherche über die bestmögliche Versorgung. Den Zeitpunkt für die ersten Behandlungen auszusuchen lag nicht in unserer Hand, sondern hing von Levis Skelettentwicklung ab. Ehrlich gesagt ein Glück für mich, dass dieser Zeitraum in die „Winterpause“ fiel. Anführungsstriche an dieser Stelle, weil natürlich niemand eine Winterpause macht und alle meine Konkurentinnen den Winter durchtrainiert haben. Nennen wir es also lieber Wettkampfpause.

Levi wurde insgesamt zweimal in Florida operiert. Die Behandlung, die zeitlich den größten Anspruch genommen hat, war die Verlängerung seines Unterschenkels mit dem Fixateur externa. Nicht nur mechanisch eine Herausforderung, sondern vor allem auch psychisch für Kind und Eltern. Das Verlängern an sich finden die Kids nervig, tut ihnen aber nicht weh. Doch die Pflege, das tägliche Waschen und Reinigen des Fixateurs und die tägliche Physiotherapie ärgert die Kleinen sehr und dies verursacht häufig auch Schmerzen. Da zerreißt es einem das Mutterherz, wenn man mit Ansehen muss, wie das eigene Kind leidet, oder noch viel schlimmer ist man meistens selber der Übeltäter, der mit sterilen Kompressen die Wunden täglich reinigen muss. 

Abgesehen von den unangenehmen Stunden am Tag haben wir aber alles gegeben, um es Levi so leicht wie möglich zu machen. Er ist Gott sei Dank ein unglaublich glückliches Kind, das super bewegungsfreudig ist. Außenstehende konnten oft kaum glauben, was er mit seinem Fixateur alles konnte. Klettern, Rutschen, Roller fahren, Fußball spielen. Eigentlich hat Levi sich verhalten, als hätte er gar keinen.

Ich hatte unglaublich tolle Unterstützung durch meinen Partner, der jeden Urlaub bei uns in Florida verbracht hat, und durch meine Eltern, die über Silvester kamen. Meine Mama hat mich in den ersten Wochen und den letzten gesamten Monat unterstützt, sodass ich mein Kite Training weiter fortsetzen konnte. Im Februar konnte ich sogar einige meiner Kolleginnen wiedertreffen und gegen sie racen beim World Cup in Miami. Mit einer Silbermedaille zurück zum Krankenhaus kommen zu können hat mich besonders stolz gemacht.

An anderen Tagen, an denen ich mit Levi allein war, unterstützten uns andere Familien, indem sie auf Levi aufpassten, während ich auf dem Wasser trainierte. Aber natürlich hatte das Training allein lange nicht die Qualität, die es mit Trainer und Trainingsgruppe in Europa gehabt hätte. Das ist ein Fakt, der mich in dieser Saison begleitet und auch hat zweifeln lassen. Am Ende des Tages muss ich aber akzeptieren, dass ich nichts in der Welt anders gemacht hätte und mich jedes Mal wieder dafür entscheiden würde, mein Kind durch diese schwere Zeit so eng zu begleiten. Klar, als wir darüber nachdachten, ob eine Olympia Kampagne mit unserem Kinderwunsch vereinbar sei, da sind wir naiver Weise davon ausgegangen, dass wir ein gesundes Kind bekämen und haben für uns die Frage mit einem klaren Ja beantwortet. Aber unser Sohn ist nicht gesund zur Welt gekommen und meine Familie und ich tun alles dafür, dass er die bestmögliche Behandlung bekommt, damit ihm später persönlich, beruflich und auch sportlich alle Türen offen stehen werden. Trotz all der Zweifel, besonders in Florida und während der ersten Wettkämpfe in Europa, bleibt für mich der Entschluss, dass ich für meinen Traum weiter kämpfe. Ich möchte meinem Sohn vorleben, dass man trotz Hürden und Herausforderungen schaffen kann, wovon man träumt. Gerade Levi soll das erfahren, denn sein Leben begann doch schon von Beginn an mit Herausforderungen. Wenn ich ihm erzähle, ich hatte immer den Traum von Olympischen Spielen, hatte mich für Kind plus Leistungssport entschieden, doch als die Behandlung seiner Fehlbildungen begannen wurde es zu schwierig und ich habe alles aufgegeben, was würde er dann denken?

Ich möchte anderen Athleten und Athletinnen, aber vor allem Levi ein Vorbild sein. Das Leben wird uns immer wieder Steine in den Weg legen, aber dann müssen wir sie entweder zur Seite räumen oder klettern lernen. Und mit den Steinen meine ich nicht meinen wundervollen Sohn. Der ist ein Geschenk, genau so und gerade so wie er auf die Welt gekommen ist und wir sind jeden Tag dankbar dafür, dass er den Weg in unsere Familie gefunden hat. Fleißig war ich in Florida, habe jede freie Minute, wenn Levi Mittagsschlaf gemacht hat und wenn er abends im Bett war, im Kraftraum verbracht. In unserer Kite Disziplin gilt leider das Prinzip „schwer ist schnell“ oder „fat is fast“ und daran habe ich hart gearbeitet. In den viereinhalb Monaten konnte ich knapp 11kg an Gewicht zunehmen.

Aus Florida zuhause ging es für mich direkt in die Vorbereitungsphase für den World Cup in Palma, den ich mit dem 12. Platz abschloss. Leider kristallisierten sich langsam Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit meinem neuen Trainer heraus, die sich in Hyeres zuspitzten. Ein solider 13. Platz in Frankreich, doch die Zusammenarbeit mit dem Trainer musste ich anschließend leider beenden. Die Entscheidung fiel mir sehr, sehr schwer, da man einen mehrfachen Olympia-, WM-und EM-Medaillensieger nicht einfach nach Hause schickt, doch die Differenzen machten es mir unmöglich, so weiter zu machen. Viele Gespräche mit meiner Sportpsychologin, meinem Technik Coach, meinen Eltern und natürlich mit Klaus Lahme führten zu diesem Ergebnis.

Beim nächsten World Cup in Holland konnte ich mich endlich wieder ins Semi-Final kämpfen und mit einem 8. Platz nach Hause fahren. Die nächsten Wochen waren geprägt von Zweifeln, ob die Trainer Entscheidung die richtige gewesen ist, denn fürs Testevent, für das ich mich qualifiziert hatte, hatte sich immer noch keine Trainer Lösung gefunden. Währenddessen rasselte Levi von einer Komplikation in die nächste und die letzte anstehende Operation, die zum Glück in Hamburg stattfinden konnte, verschob sich Woche um Woche nach hinten. So begleitete ich ihn durch die OP und eine Woche Heilung, um dann verspätet ins Teamhotel in Marseille einzuziehen. Ich hatte noch zwei Trainingstage und legte einen „Kaltstart“ hin. Betreut wurde ich vom Kite Männer-Coach Jan-Hauke Erichsen, der vor Ort Flo Gruber und mich gleichzeitig betreute und vom Nacra Trainer Marcus Lynch Unterstützung bekam, wann immer die Nacras Pause hatten. Das hat unglaublich gut funktioniert und bei diesem Event war ich das erste Mal richtig froh mit meiner Trainer Entscheidung. Ich habe so viele wertvolle und offene Gespräche mit den anderen Trainern im Team gehabt, sei es im gekühlten Container oder beim Frühstück und Abendessen. Mit Marcus hatte ich natürlich eine Trainer Legende an meiner Seite, von dem ich unfassbar viel lernen konnte. Den ersten Tag des Testevents sind Marcus und ich stark gestartet, sodass ich an vierter Stelle lag, mit Potential nach oben. Leichtwindtage liegen mir sehr, in Marcus Worten: meine Superpower. Der Starkwind, der darauf folgte, leider weniger. Das war schon immer so, aber der Abstand zur den Top 3 hat sich leider durch meinen Winter vergrößert, da ich aus Sicherheitsgründen nicht alleine bei Starkwind trainierte.

Leider bin ich am Finaltag, nachdem ich das erste Semi-Final gewonnen hatte, im zweiten an führender Stelle von einer anderen Kiterin abgeräumt worden und mein Kite ist gerissen. Die Disqualifizierung von ihr half mir wenig, da es nur um Rennsiege geht und der Rennsieg in dem Rennen somit an die drittplatzierte ging. Mit meinem Ersatzkite und einem schlechten Start im folgenden Rennen kam ich leider um 2m hinter der ersten an der Luvtonne an und konnte den Sieg nicht zurückgewinnen. Somit blieb mir in der Gesamtwertung der achte Platz. Ein für die turbulente Saison passabler Platz, aber im nächsten Jahr möchte ich mit mehr Wasserstunden in der Vorbereitung natürlich noch weiter nach vorne.

Bei der WM einen Monat später fühlte ich mich wesentlich besser vorbereitet, hatte schon viel Zeit auf dem Revier in Scheveningen verbracht und fühlte mich rundum wohl. Levi ging es derweil super bei Oma und Opa im Urlaub auf Baltrum und er war nun endlich mit einer Prothese versorgt und konnte wieder selbstständig laufen. Diese Versorgung bleibt nun die nächsten drei Jahre bestehen, bis wir die nächste Beinverlängerung durchführen. Bis dahin soll der bisher um 5cm verlängerte Knochen stabil genug werden, damit die Behandlung weitergeführt werden kann. Ich

Ich startete stark in die WM, lag nach dem ersten Tag an zweiter Position, nach Tag vier an vierter Position und fühlte mich gut. Doch der „rabenschwarze“ Tag für die deutschen Segler hatte auch für mich etwas dabei. Im ersten Rennen riss mir ein 5 Tage vor der WM ausgetauschtes Teil, weil eine vom Hersteller verbaute Rolle einen Fehler hatte. Wahrscheinlich eine von tausenden - bitter, aber es kam noch besser. Der Trainer, der mich betreute, hatte leider nicht mitbekommen, dass ich auf der zweiten Kreuz im Wasser lag und nicht mehr fahren konnte. Eine lange Zeit kam kein Boot zur Hilfe. Endlich kam ein Rettungsboot vom Veranstalter (hätte ich mich schwer verletzt, wäre das wirklich schon lange zu spät gewesen) und schickte per Funk einen Deutschen Trainer - aber leider zur falschen Tonne. Jan-Hauke raste einige hundert Meter an mir vorbei, konnte mich weder sehen noch hören und hörte natürlich auf die Ansage des Race Commites, denn auch an der Luvtonne lag ein Kite im Wasser - leider nicht meiner. 

Also blieb mir nichts anderes übrig, als auf das Rettungsboot zu steigen. Trotz mehrfacher Anweisungen meinerseits (Motor aus! Behaltet mein Board im Blick!) fuhren diese mit laufendem Motor über meinen Kite, sodass sich alle Leinen im Propeller verfingen und verloren mein Board aus den Augen. Somit hatten wir, nachdem ich ewig nach Leinen tauchte und den Kite freischnitt, auch noch das Board verloren bei der starken Strömung. Nach weiteren wertvollen Minuten hatte ein Coach einer anderen Nation mein Board gefunden und ich wurde zum Strand gebracht und tauschte dort auf meinen Ersatzkite. Viel Hektik, viel Kraft und zwei nicht beendete Rennen gingen dabei für mich drauf. Und trotz größter Bemühungen schaffte ich es danach kräftemäßig und mental nicht mehr, in den letzten beiden Rennen in die Top 10 der Goldfleet zu fahren. 

Dadurch, dass am nächsten Tag wegen zu wenig Wind kein Rennen gestartet wurde und ich aufgrund dessen meinen Streicher nicht mitnehmen konnte, fehlten mir am Ende 10 Punkte zum Medal Race. Its not over until its over… Kaum zu glauben, wieviel Abstand ich am Tag zuvor noch zum 11. Platz hatte. Somit blieb mir der 14. Platz gesamt, mein Minimalziel hatte ich aber dennoch erreicht, denn als 8. Nation hatte ich mir damit im ersten Anlauf den Nationenplatz für die Olympischen Spiele gesichert.

Bild: Zwischen Tränen und Lächeln - enttäuscht über den 14. Platz, aber glücklich über den Nationenplatz - zusammen mit Trainer Jan Hauke, der mich bei WM und Testevent wahnsinnig gut unterstützt hat 


In Deutschland muss ich, obwohl ich keine nationale Konkurrenz habe, bestimmte Kriterien erzielen, um vom DOSB zu den Olympischen Spielen gesendet zu werden. Meine Qualifikationsregatten dafür sind die diesjährige Europameisterschaft und Palma und WM im nächsten Jahr. Bei der Europameisterschaft in Portsmouth, England, die vor zwei Wochen zu Ende ging, konnte ich mit einem neunten Platz das härteste dieser Quali Kriterien schon abhaken und bin somit gut aufgestellt für die nächste Saison. Auch bei dieser Regatta stellte sich wieder meine „Superpower“ Leichtwind und meine Schwäche im Starkwindbereich heraus. Gut also, dass wir uns schon vor Monaten dazu entschlossen haben, für den Winter ins windigeTarifa in Südspanien zu ziehen. Levi und ich werden Ende Oktober die Koffer packen und mit meinem Papa in unserem Van nach Tarifa fahren. Der Kleine wird dort bis nächsten Sommer in die Kita gehen, wir haben eine kleine Wohnung und Darian kommt im Januar mit dazu. Ich kann mich unglaublich glücklich schätzen, dass ich so einen tollen Support von meiner Familie habe. Diese Kampagne ist ein Gemeinschaftsprojekt - nicht möglich ohne meine Familie und ohne euch. Danke, dass ihr dieses Projekt unterstützt. Diesen Winter werde ich so viele Wasserstunden machen, wie noch nie. Meine Starkwind-Schwäche werde ich ausmergeln, damit ich im nächsten Jahr um eine Medaille in Marseille kämpfen kann. 

Liebe Grüße, Leonie