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Jannes Llull segelt Mini 6.50 – und er meint es ernst. Kaum einen Monat nachdem er die Prototypen-Klasse bei der Roma per Due gewonnen hat, hat der NRV Segler seinen 1.000-Seemeilen-Qualifier für die Mini Transat 2027 absolviert: 1.170 Seemeilen, solo, nonstop, 14 Tage auf See. Hackwellen hinter dem Cap Corse, ein Elektrik-Ausfall mitten auf See, tagelange Flaute – und zwischendurch Finnwale vor der untergehenden Sonne. Ein Bericht von Jannes Llull:

1.170 Seemeilen Solo: Wie aus einer abgesagten Regatta meine Mini-Transat-Quali wurde 

Eigentlich sollte es meine erste Solo-Regatta im Mini 6.50 werden. Doch als in Genua plötzlich alles abgesagt wurde, entschloss ich mich spontan meine 1000sm Qualifikation zu starten. Hier ist mein Bericht meiner 14-tägigen Solo-Qualifikation über 1.170 Seemeilen für die Mini Transat 2027 ein Ritt voller Hackwellen, Elektrik-Chaos und unschätzbarer mentaler Learnings. 

Die Enttäuschung war riesig. Ich saß bereits im Flixbus nach Genua, als das Gerücht die Runde machte: Die Regatta ist abgesagt. Die Veranstalter hatten schlicht vergessen, GPS-Tracker zu organisieren. Zehn Boote aus ganz Europa lagen plötzlich in Genua für ein Rennen, das es nicht geben würde. Aber die Zeit war freigeschaufelt, mein Boot lag startklar im Hafen. Warum also den Rückweg antreten? 

Die 1.000-Meilen-Solo-Qualifikation für die Mini Transat ist zeitlich flexibel. Also beantragte ich kurzerhand eine eigene Route bei der Classe Mini: Start in Genua, Ziel in Sanary-sur- Mer. Die Bestätigung kam am selben Tag, an dem ich losfuhr. Kurz vor knapp, wie so oft. 

Das Boot war allerdings vollgeladen. Ich hatte für eine Regatta gepackt, inklusive aller Sachen, die eigentlich an Land bleiben sollten. Laufsachen, ein noch nicht eingebautes Ersatz-GPS, Kram in allen Ecken. Ich bin noch nie so schwer gesegelt. 

Die ersten drei Tage liefen super. Viel Flaute, aber die Stimmung an Bord war entspannt. Ich hatte frische Eier dabei, einen Eimer Obst und Snacks in Massen, echter Luxus-Proviant für ein Mini 6.50. 

Die Route führte mich die italienische Küste runter, rüber nach Korsika und hoch zum Cap Corse. Und dort begann der erste richtige Test. Die Vorhersage hatte 20 bis 25 Knoten angekündigt. Was mich hinter dem Kap empfing, waren 25 Knoten mit Böen bis 35 und eine Strömung, die gegen den Wind lief. Das Ergebnis: Eine Welle, kurz und steil, über zwei Meter hoch. Eine Hackwelle, wie ich sie noch nie gesehen habe. Auf der Kreuz alles andere als lustig. Mitten in diesem Ritt wurde ein Kabel im Boot nass. Die Folge: Nichts lud mehr. Kein Barometer, keine Stirnlampen, kein Handy, kein Laptop, kein Wetterbericht und ich hatte noch 850 Seemeilen vor mir. 

Ich musste umdrehen. Hinter dem Cap Corse suchte ich Schutz in einer kleinen Ankerbucht. 

Auf der Karte sah sie optimal aus, in der Realität war der Sandboden voller Algen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Anker hielt. Um zwei Uhr nachts, nach gerade mal vier Stunden Schlaf, machte ich mich an die Reparatur des Kabels. Was ich im Halbdunkel nicht merkte: Ich griff zur falschen Sprühdose. Statt Kontakt-Spray landete Teflon-Spray auf allen Steckern. Beide Dosen waren weiß, beide sahen fast identisch aus. Erst zwei Tage später fiel mir der weiße Film über der Elektronik auf. 

Für alle, die sich fragen, was es mit der Quali auf sich hat: Wer 2027 beim Transat (von La Rochelle nach Salvador de Bahia) starten will, muss 1.000 Seemeilen solo nonstop auf einer von der Classmini vorgeschriebenen Route segeln und zwar auf genau dem Mini, mit dem man auch die Regatta bestreitet. Dazu kommen noch mindestens 1.500 Regatta-Meilen. Ich lag insgesamt 20 Stunden vor Anker, und mental war ich am Ende. 

Im Nachhinein kommt mir das fast lächerlich vor, aber ehrlich gesagt war ich kurz davor, einfach in den Hafen zu fahren und aufzugeben. Die Hafenmole war zum Greifen nah. Ich hatte das Wetterfenster verpasst, das ich mir für die Überfahrt nach Mallorca ausgesucht hatte. Die Routings sprangen plötzlich von neun Tagen auf vierzehn oder fünfzehn hoch. Das war für mich schwerer zu verdauen als der Sturm. Irgendwann funktionierte das Kabel zumindest halbwegs wieder. Ich hängte alles ran, lud die wichtigsten Geräte und fuhr weiter. Mit dem Handy ging ich ab jetzt so sparsam um wie möglich: Kurz an, Wetterbericht laden, sofort wieder aus. 

Die Nächte waren zum Glück hell genug, um auf die Stirnlampe zu verzichten. Es folgten zwei Tage totale Flaute auf offenem Meer irgendwo vor Korsika. 0,7 Knoten Wind. Ich schaffte gerade mal 60 Seemeilen in zwei Tagen. Kein einziges Boot weit und breit, kein Frachter, kein Fischer, absolut nichts. Dafür kamen mich Delfine besuchen. Ich versuchte, die Situation zu akzeptieren, und fing an, das Boot aufzuräumen: Ein kleines Loch in der Fock geflickt, Teile im Cockpit foliert, den Spisack repariert. Ich werkelte einen ganzen Tag lang vor mich hin einfach, weil es etwas zu tun gab und ich sonst nichts tun konnte, da kein Wind war. Meine Motivation war am Ende und ich überlegte durchgehend ob ich nicht einfach an Land fahren sollte. Sobald ich auf der Höhe von Sardinien war, kam endlich wieder Wind. Erst zehn, dann fünfzehn Knoten.

Es folgten 36 Stunden Dauer-Spinnaker-Ritt, und auf einmal war die Welt eine ganz andere. Ich sah Thunfische, Barracudas, Schildkröten und sogar eine Art Schwertfisch, der direkt neben dem Boot aus dem Wasser sprang. Mitten auf See, im klaren, blauen Nirgendwo, bin ich kurz unter mein Boot getaucht, um einen Metalllöffel zu bergen. Er hatte sich in der Kielbox verkeilt und die ganze Zeit am Kiel vibriert. Eine seltsame, aber wunderschöne Erfahrung. 

Auf Höhe der spanischen Küste, kurz nach Sonnenuntergang unter gesetztem Spinnaker bei zehn Knoten Wind, erlebte ich meinen absoluten Gänsehaut-Moment: Finnwale, die ihre Wasserfontänen direkt vor der untergehenden Sonne in den Himmel stießen. Dass Solo-Segeln auch skurril sein kann, merkte ich kurz darauf. Ich war so müde, dass ich meinen Wecker überhörte und bei fünf Knoten Wind auf der Kreuz versehentlich sanft auf einen Strand auffuhr. 

Dank meines gekanteten Kiels drehte sich das Boot zum Glück automatisch wieder weg und ich war wieder frei. Vor mir Land, hinter mir Meer, und neben mir ein älterer Herr, der seelenruhig weiter baden ging. Die letzten 100 Seemeilen vor dem Ziel wurden noch einmal zäh. 

Der Wetterbericht kippte über Nacht, der erwartete Westwind blieb aus. Stattdessen: Zwei Stunden Wind aus einer Richtung, dann Flaute, dann Wind von der anderen Seite. Ich hatte jedes Segel einmal im Einsatz: Gennaker, Spinnaker, Sturmspinnaker, nur Groß und Fock. 

Am Morgen des 29. Mai lief ich schließlich in Sanary-sur-Mer ein. Nach 14 Tagen, einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 3,7 Knoten und 1.170 Seemeilen war es geschafft: Qualifier durchgezogen! 

Was mir von diesem Trip besonders bleibt? Vor allem die Erkenntnis, dass man lernen muss, die Routings loszulassen. Man darf die Wetterprognosen nicht ignorieren, aber man darf seine eigene Stimmung nicht an sie koppeln. 

Wenn der Countdown an Bord von neun auf vierzehn Tage springt und man sich jeden Abend zermürbt fragt, wann man endlich ankommt das ist das Erschöpfendste, nicht die Flaute selbst. 

Das Entspannendste war im Nachhinein die Zeit komplett ohne Empfang. Fünf Tage zwischen Korsika und Menorca, zweieinhalb zwischen Mallorca und Spanien. Das waren die ruhigsten Abschnitte der ganzen Passage. 

Man segelt einfach. Das Wetter wird, wie es wird, man kann es ohnehin nicht neu berechnen. 

Die Mini Transat wird mich 15 bis 20 Tage lang auf den Atlantik führen ohne Internet. Mein Qualifying war, ohne es so geplant zu haben, die beste Vorbereitung darauf. Nicht, weil die Bedingungen perfekt waren, sondern weil es mich mental so sehr gefordert hat.