Als die Class40 „Alderan“ am 19. November um 16:46:17 Uhr Ortszeit die Ziellinie vor Martinique überquert, ist für Susann „Sanni“ Beucke ein persönlicher Meilenstein erreicht: Nach 18 Tagen, 3 Stunden und 46 Minuten auf dem Atlantik beendet die NRV-Seglerin gemeinsam mit Skipperin Sasha Lanièce die Transat Café L’Or auf Platz 17. Im Feld der 42 gestarteten Class40 ist die „Alderan“ das erste reine Frauenteam, das in Martinique ankommt – Beucke zugleich die einzige deutsche Seglerin im Rennen.
Für Sanni ist es das erste Transat-Rennen auf einer Class40. Schon der Start in Le Havre fordert die Crews hart: Böen bis 42 Knoten, kurze steile Welle im Ärmelkanal, dazu dichter Schiffsverkehr. Auf dem Weg durch die Kaltfront nach La Coruña reiht sich für die beiden Frauen an Bord ein Problem ans nächste. Eine Reffleine reißt, im Großsegel entsteht ein Loch, die Windgeber setzen aus. In der Biskaya tippen Orcas zwei Mal gegen das Ruderblatt, ziehen dann aber wieder ab.
Der Einschnitt für Sanni kommt beim Arbeiten an Bord. Bei Arbeiten auf dem Vorschiff verliert sie für einen Moment den Halt, fliegt nach Lee, der Fuß bleibt hängen – im Knie knackt es. Beugen geht nicht mehr, normale Bewegungen an Deck sind kaum möglich. Für die Wachrhythmen bedeutet das: Lanièce segelt phasenweise im Solomodus, Segelwechsel und Manöver müssen reduziert werden. Die „Alderan“ fällt im Klassement zurück.
Als sich auf Höhe Kap Finisterre ein schwerer Sturm ankündigt, ruft das Rennkomitee La Coruña als Nothafen aus. Für Sanni ist das die Chance auf eine genaue Diagnose. Sie bekommt kurzfristig einen MRT-Termin bei einem spanischen Sportarzt, das Ergebnis: Ein Band ist gerissen. Beucke entscheidet sich trotzdem weiterzusegeln – mit Orthese. Während das Shore-Team Delamination am Bug und Elektronikprobleme am Boot behebt, stellt sich die NRV Seglerin auf eine völlig neue Belastung ein.
Am 1. November starten Sasha Lanièce und Susann Beucke in La Coruña in die zweite Etappe Richtung Karibik. Die Knieschiene, von Sanni „Robocob“ getauft, bleibt an. Die Manöver haben die beiden zuvor so detailliert vorbereitet, dass Beucke auch mit Schiene wieder mitarbeiten kann. Aus der Zwangspause wird ein kontrollierter Neustart.
„Es ist ziemlich brutal an Bord“
Der Weg in die Passatwinde führt zunächst noch einmal mitten in die Härte des Nordatlantiks. „Ich muss sagen, es ist ziemlich brutal an Bord. Wir segeln auf Amwindkurs Richtung Westen. Das Boot schlägt in den Wellen so hart auf, als würdest du mit der flachen Hand auf einen Tisch hauen“, beschreibt Sanni später den Kurs Richtung Martinique. Entlastung für das verletzte Knie gibt es kaum, die Belastung für Körper und Material bleibt hoch.
In ihren Von-Bord-Nachrichten fasst sie das so zusammen:
„Schon wieder sieben Tage her seit dem letzten Update? Dass ich nichts von mir hören lassen habe, ist eine Mischung daraus, eine Routine an Bord gefunden zu haben und die Zähne zusammenzubeißen. Die Eintönigkeit, der Schlafmangel und das andauernde ‚auf der Hut sein‘ machen mürbe. Beim Abwägen zwischen eine Nachricht tippen vs. Powernappen hat verständlicherweise meistens der Nap gewonnen.“
Am Abend des 4. November zeigt sich, wie schmal der Grat ist. Aus den angekündigten 28 Knoten Wind entwickelt sich ein Sturm mit anhaltend 38 bis 42 Knoten und Böen bis 58 Knoten. „Ich konnte meinen Augen nicht trauen, als ich die Zahl auf der Anzeige gelesen habe. So viel Wind habe ich persönlich noch nie auf dem Wasser erlebt.“ Abbremsen ist kaum möglich, denn von hinten drückt ein Hochdruckgebiet, das die Flotte bei nachlassendem Wind in die Flaute zwingen könnte.
Die „Alderan“ hält stand. Das Boot bleibt ganz, die beiden Seglerinnen schaffen den Sprung auf die Passatwind-Autobahn im Süden – für Sanni ein Wendepunkt in der Wahrnehmung an Bord. „Heute war der BESTE Tag. Oh mein Gott! Es begann schon nachts damit, dass sich das Meer und der Wind beruhigt haben und wir uns fürs Schlafengehen sogar gegönnt haben, die Ölklamotte auszuziehen. Die Schlafqualität in einem Schlafsack: fantastisch“, schreibt sie via WhatsApp.
Alltag im Passat – und neuer Rückschlag
In der Sonne und bei moderatem Wind trocknen die beiden ihre nassen Kleidungsstücke an Deck, essen zum ersten Mal seit Tagen wieder drei Mahlzeiten und gönnen sich Schlafphasen von anderthalb Stunden. „Wie toll doch das Banale ist, wenn man seine eigene Perspektive mal wieder gerade rückt. Die schweren Meilen liegen hinter uns – auf Richtung Tradewinds!“, so Sanni.
Trotzdem bleibt die Belastung hoch. Der Alltag besteht aus einem engen Kreislauf aus Schlafen, Essen, Wetter, Steuern – rund um die Uhr. „Die Eintönigkeit, der Schlafmangel und das andauernde Auf-der-Hut-Sein machen mürbe“, schreibt Beucke, als die „Alderan“ mit rund 13 Knoten gen Martinique segelt. Dann der nächste Rückschlag: Der größte Gennaker an Bord, der A2, fällt ins Wasser und ist nicht mehr nutzbar. Für die letzte Phase steht der Crew nur noch der kleinere A2.5 zur Verfügung – ein Nachteil, wenn der Wind abnimmt.
Parallel verschiebt sich die Ankunftszeit immer weiter nach hinten. Aus den zunächst erwarteten acht werden elf Tage in den Passatwinden, das ETA wandert vom 8. auf den 19. November. „Gestern herrschte hier ernüchternde Stimmung, da die Routings voraussagten, dass wir am 20. auf Martinique ankommen werden“, berichtet Sanni. Nach einem Check der Vorräte ist klar: Es reicht, aber komfortabel fühlt es sich nicht an.
Auf den letzten 50 Seemeilen vor Martinique zeigt sich noch einmal, wie schmal der Korridor ins Ziel ist. „Auf dem Weg liegen mehrere Fischereizonen mit Netzen, Abwinde der Insel Martinique und Squalls, die in der Früh gerne nochmals ein kleines Kräftemessen veranstalten, nachdem die Nacht geschafft ist“, schreibt Sanni. Die Mischung aus Konzentration, Müdigkeit und Vorfreude bündelt sich in diesen Stunden. „Solche Geschehnisse machen mich einfach so unheimlich dankbar, bis hierher gekommen zu sein, und ebenso ehrfürchtig vor den letzten 50 Meilen.“
Während sie ihre Zeilen tippt, taucht am Horizont die Küste auf. „Land in Sicht! Es ist Martinique!“, hält Beucke ihren Moment fest. Wenig später passiert die „Alderan“ die Ziellinie – mit einer Sanni Beucke an Bord, die sich mit gerissenem Band im Knie über den Atlantik gekämpft hat.
„Es zerbricht mir manchmal das Herz“
Im Rückblick beschreibt Sanni vor allem den emotionalen Teil dieses Weges. „Das war ein emotionales Finish. Die Erleichterung, dass im Knie nichts weiter kaputtgegangen ist während der Überquerung, steht mir, glaube ich, ins Gesicht geschrieben“, sagt sie. Der Zweifel kam dabei nicht von ihr selbst: „Denn häufiger habe ich daran gezweifelt – nicht aufgrund von Schmerzen, sondern eher wegen der Angst anderer um mich.“
Die Sorgen im Umfeld gehören für sie zur Realität des Offshore-Segelns – und treffen sie dennoch. „Es zerbricht mir manchmal das Herz zu sehen, was für eine riesige Belastung es für das Umfeld ist, die Sorgen auszuhalten, während ich meiner großen Leidenschaft nachgehe. Umso schöner ist es, wenn man nach einem geschafften Abenteuer nach Hause kommt und sagen kann, dass es gut gegangen ist.“
Fotos: © Jean-Louis Carli / Alea