UPDATE Transat Jaques Vabre: Neues von Bord der ISKAREEN

Am Sonntag, den 27. Oktober, starteten drei NRV Mitglieder ihr Atlantikabenteuer mit der Hochseeregatta Transat Jacques Vabre. Sönke und Arnt Bruhns gehören mit ISKAREEN zu einer der 27 Class 40 und Boris Herrmann segelt zusammen mit dem jungen Will Harris in der IMOCA Klasse auf MALIZIA. Hier die aktuellen Berichte von den Bruhns Brüdern:

 

Day 14 go south, Samstag, 9.11.2019

Der Tag beginnt mit der handwerklichen Annäherung an die Tackline – Erstmal die Reste auseinandernehmen, die durchgescheuerten Stellen abschneiden, neuen Spleiß mit neuem Schutzcover – fertig. Materialien sind dank unserer Freunde bei Robline (Achtung, product placement!) an Bord, nach einer guten Stunde kann der Fall ad acta gelegt werden mit der Randnotiz, dass die Tackline wieder einen Meter kürzer ist – beliebig lässt sich das Spiel nicht weiterspielen, aber bis Salvador sollte es langen.
Langsam nähern wir uns dem Eintritt in die südliche Hemisphäre. Doch davor hat irgendeine Macht als letzte Hürde die Doldrums gesetzt, die wir gewissermaßen als Eintritt durchqueren müssen: Flauten, Gewitterstürme, Hitze und andere Unbill gilt es auf dem Weg in den Südostpassat zu überwinden, der uns dann relativ zuverlässig nach Brasilien bringen soll. Es wurden bereits längere Überlegungen angestellt, wie und wo sich ein geeignetes Gate auftun könnte, was jedoch schwierig ist, da sich die bereits erwähnten Gewitterstürme schlecht prognostizieren lassen, was für den äußerst schwachen Gradientenwind genauso gilt.
Die Nacht wird mal wieder bunt. Es liegt förmliche Spannung in der Luft, unerwartete Winddreher und Varianzen im Windspeed, choreographiert von teilweise beeindruckendem Wetterleuchten am Horizont – Doldrums, here we come. Immer wieder muss der Freiwächter kurzfristig an Deck hüpfen, weil sich eine bedrohliche Wolke aufbaut oder der Wind aus einem unschuldigen blauen Himmel auf 25 Knoten aufdreht. Später hat Sönke seine liebe Not, als der Wind vor der uns im Nacken sitzenden Wolke dauerhaft 30 Grad nach links geht, was sich in unserem Track eindrucksvoll niederschlägt. Unterm Strich ist es aber gar nicht mal so unwillkommen, da es uns in den gewünschten Korridor zurückbringt.


Bits & Bites
Badefest: Auf die freundliche Nachfrage meines jüngsten Sohnes, ob ich denn auch so wie Sönke auf Hygiene achten würde, sehe ich mich im Zugzwang; Antreten zur Körperpflege! Die Wassertemperatur (29 Grad) macht es gerade so erträglich.
Sitzenbleiben: Fällt immer schwieriger, Feuchtigkeit und Wärme sind auf Dauer üble Zutaten fürs Gesäß – da hilft nur trocken halten und mit Fett gegenanarbeiten. Erinnerungen an das letzte RORC 600 werden wach - ob wir in Brasilien noch stehen können?
Hot nights: Die Temperatur liegt mittlerweile tags wir nachts recht gleichmäßig um 30 Grad. Solange es weht, lässt sich gut damit leben, bei Flaute und unter Deck wird’s warm und nass.

Day 13 Cape Verde, Freitag, 8.11.2019

Das Erreichen der avisierten Passage ist dann auch nicht ganz so einfach wie gedacht. Der Wind dreht wieder ordentlich nach rechts und wir haben unsere liebe Mühe, die Höhe zu halten: Sönke kämpft mehrere Stunden am Lenker bis er Erfolg vermelden kann und die Lücke zwischen den Inseln vor uns aufgeht. Auf der anderen Seite des kleinen Eilands liegt im Übrigen „Hugo Boss“ in einer Bucht und wartet auf das Shore Team, das die lädierte Yacht in den Hafen geleiten soll.
Die Inseln präsentieren sich karg, braun, vulkanisch mit teilweise spektakulärer Silhouette. Von wegen Cabo Verde, da müssen wir wohl das falsche Cabo erwischt haben. Vielleicht ist in den Tälern in der Mitte etwas mehr Grün, alles in allem wirkt die Veranstaltung aber ziemlich vertrocknet. An der Küste sind Häuser zu erkennen, wahrscheinlich der örtliche Club Med, wenngleich es wenig einladend anmutet. Zwischenzeitlich kommt eine große Ketsch in Sicht, die durch die Inseln zu cruisen scheint - oder handelt es sich um Alex Shore Team?
Nach Verlassen der Passage nimmt der Wind stetig auf 25 kn zu und dreht rechts, bald können wir die Höhe zum avisierten Eintrittspunkt in die Doldrums nicht mehr halten. Zeit für Big Black alias „das Monster“, unseren A5; ein schwarzes Wickelsegel, das fractional, also auf Vorstaghöhe am Mast ansetzt. „Den“, so verkündet Sönke in Anlehnung an Lawrie Smiths´ Zitat auf „Rothmans“ 1989, „holt nur noch der liebe Gott wieder herunter“. Mal schauen, vorerst fahren wir erstmal ganz gut damit los. Auf vielen Schiffen, die ich kenne, gibt es ein Segel namens „Monster“, mal ist es der XXL-Spi oder ein besonders dickes oder sonst wie charakteristisches Stück Tuch, um das sich häufig Legenden bilden. Ein paar Stunden später zumindest kommt dann ein Amtshilfeersuchen von höchster Stelle, indem der Wind so weit links dreht, dass wir nicht mehr weit genug hinunterkommen. Wir sammeln den A5 also selber ein und tauschen ihn gegen den A6, einen normalen Spi, allerdings auch fractional und kugelfest. Dazu ein Reff und wir fliegen mal wieder wie auf Schienen durch die Nacht. Vorerst zumindest, drei Stunden später wird der Wind herunter gedreht und wir können ausreffen und den A2 wieder setzen. What a day!


Bits & Bites
Schwund ist überall – beim Bergen des A2 zwischen den Inseln müssen wir feststellen, dass die Tackline fast durchgescheuert ist. Da haben wir wohl vergessen, die Position im Bugspriet etwas zu variieren, so dass die volle Last durchweg auf einer Stelle hing.
21,8 Kn –dabei haben wir mal wieder den Autopiloten unter A6 und gerefftem Groß erwischt. Mehr wollte er aber auch bei bestem Zureden nicht herausrücken.
Angekommen! Gilles Lamiré and Antoine Carpentier gewinnen das Transat Jacques Vabre auf dem Multi 50 „Groupe GCA – Mille et un Sourires“ in 11 Tagen 16 Stunden und 34 Minuten. Die können jetzt wirklich lächeln, wir dagegen brauchen wohl noch etwas……


Day 11 – Tropic of Cancer Mittwoch, 6.11.2019

415,6 Seemeilen, das ist der 24h-Run von Credit Mutuel, der sämtliche bisherigen Bestmarken in der Class 40 pulverisiert. Zwei Jahre stand die von Maxim Sorel auf V&B ersegelte Marke von 377,7 Seemeilen, nun legte Ian Lipinski 38 Seemeilen drauf, mit einem Schnitt von 17,3 Knoten. Durchschnitt, das heißt, das Speedometer wird selten unter 20 Kn gefallen sein. Wir haben uns mal mit dem Thema befasst, die Software spuckt uns 284 Seemeilen als besten 24h run aus, dabei treten wir das Boot soweit am Limit. Ein Indikator, wo die Entwicklung in der Klasse hingeht: die bisher dominanten Boote der vierten Generation werden nun von denen der fünften, aktuell im Rennen „Credit Mutuel“ und „Banque de Leman“, abgelöst.
Die letzte Halse der Reise wollten wir ja bekanntlich schon öfter gefahren haben, leider kam irgendwie immer etwas dazwischen, sprich der Wind entwickelte sich nicht wie prognostiziert. Also heute Morgen nochmal die Übung – unter Deck Segel und Ausrüstung umstacken, an Deck ebenfalls Segel umstacken, Wasser von Luv nach Lee laufen lassen, Spischot am Bug aus der Sicherung und in den Gybulator, Traveller auf Mitte, Kicker los, drei-zwei-eins-null! Der Autopilot fährt die Halse während wir Spi und Groß herumziehen, neues Backstage setzen und den Traveller wieder nach Lee lassen. Hinterher schnell die Spischot wieder am Bug gesichert, damit sie nicht unters Schiff fallen kann und weiter geht die Reise.
Tropic of Cancer: Heute überqueren wir den Wendekreis des Krebses. Ihr fragt euch was das ist? Geografie schlecht, setzen. Der Wendekreis des Krebses ist die Breite auf der die Sonne zur (nördlichen) Sommersonnenwende im Zenith steht (23,25 N), danach geht’s wieder südwärts. Das südliche Äquivalent ist der Wendekreis des Steinbocks (Tropic of Capricorn) und zwischen beiden Kreisen befinden sich die Tropen. Zur Tropeneintrittsfeier gibt’s eine von Erichs Zigarren.

Bits & Bites
Zwergenaufstand: Wie Miranda Merron vom Imoca „Campagne de France“ bemerkt, holen die schnellsten Class 40s zwischenzeitlich nicht nur die ganz langsamen Imocas ein, sondern auch das Mittelfeld. Auf uns trifft das leider alles gerade nicht zu…
Steckengeblieben: Bei den Imocas führte „Charal“ vor Eintritt in die Doldrums mit 120 Meilen vor dem zweiten „Apivia“ mit Charlie Dalin und Yann Elies. Die Passage der Doldrums unter einem Squall ließ sich wohl zunächst noch ganz gut an, dann fuhr Jérémie Beyou jedoch gegen die Wand: Flaute, nichts geht mehr, zwischenzeitlich liegt „Apivia“ in Führung und „Charal“ 150 Meilen zurück. Von wegen Straßenbahn!
Fliegende Fische: Sönke hat Rache geschworen und hält jetzt gnadenlos in jeden Schwarm fliegender Fische hinein. Im Ergebnis surfen wir die Welle hinunter und in Luv und Lee steigen hunderte der gefiederten Meeresbewohner auf, um sich vor dem Monstrum mit den gelben Finnen am Rumpf in Sicherheit zu bringen – Petri Heil!


Day 10 - In die Tradewinds, Dienstag, 5.11.2019

Die Nacht bringt kleine Aufreger mit sich, der Spi vertörnt sich bei Leichtwind und Welle als perfektes Knäuel und muss heruntergeholt werden; glücklicherweise passt er immer noch in die Bergesocke, so dass das Manöver ohne größere Probleme vor sich geht. Herunter an Deck, entdrehen, wieder in die Socke und weiter geht die Reise.
Morgens taucht dann auf einmal ein pinker Spi neben uns auf, die Identifizierung per AIS gelingt nicht, allem Anschein nach handelt es sich um ein französisches Boot und die sind nun mal im Stealth Mode unterwegs, wie wir gelernt haben. Die Trackerdaten geben mehr Aufschluss, es handelt sich um Ursaine Poupon (aus der Seglerdynastie von Philippe) auf UP Sailing. Wir segeln eine Weile nebeneinander her ohne nennenswerte Speedunterschiede erkennen zu können, dann entscheiden wir uns aufgrund eines Drehers zur Halse, der pinke Spi verschwindet hinterm Horizont.
Heute begehen wir mit Überqueren des 30. Breitengrades auch unseren offiziellen Eintritt in die Tradewinds, die sich zwischen den 30. Breitengraden nördlicher und südlicher Breite befinden und zwischen denen sich die auf englisch „Doldrums“, französisch „pot au noir“,deutsch „Rossbreiten“ und offiziell ITCZ (Intertropic Convergence Zone) genannte Flautenzone befindet, durch die wir uns auf dem Weg nach Süden durchschlagen müssen. Die Tradewinds wehen im Norden aus NE, im Süden aus SE mit größter Beständigkeit um die 20 Kn, unterbrochen lediglich durch Squalls, lokale Gewitterzellen, die sich vor allem tagsüber auf- und gegen Frühabend mit Schauern und knackigen Böen wieder entladen.
Nachts dann einer dieser Top Ten Momente im Seglerleben, nachdem sich die letzten Minisqualls verabschiedet haben und der arabische Mond untergegangen ist, der auf dem Rücken liegend so aussieht als ob der Mann im Mond gerade in die Heia musste, heizen wir unter A2 bei guten 20 Knoten Wind mit 12-15 Knoten durch die Nacht. Ich hole mir den Kopfhörer, das Hintergrundrauschen wird herausgefiltert und höre am Lenker nacheinander vier Pink Floyd Alben. Das Ganze bei 24 Grad unter einem phänomenalen Firmament, die Sternschnuppen prasseln nur so vom Himmel, die Wünsche sind nach einer halben Stunde aufgebraucht und aus dem Kopfhörer kommen psychedelische Epen. Momente, von denen man lange zehrt.

Bits & Bittes
Sherry doch nicht alle – wie sich herausstellte, wurde irrtümlich ein zweiter Karton Sherry an Bord deponiert, der entgegen anderslautender Weisungen auch nicht wieder an Land gebracht wurde. Wir werden den Vorgang prüfen, die Befehlsketten überarbeiten und den Sherry vernichten.
Statt Wachtmeister: Einen Bordhund haben wir zwar nicht, aber der Effekt, in die Hinterlassenschaften des Vierbeiners zu treten, ähnelt in punkto Geruch und Konsistenz dem, auf einem fliegenden Fisch auszurutschen, der an Deck sein Leben aushauchte, wie Sönke feststellen musste.
Fauna: Mittags wird eine Schildkröte gesichtet, Größe deutlich über Klodeckel, die seit ein paar Jahrzehnten über den Atlantik treibt und in ein paar Jahren ankommen wird. Außerdem immer wieder Delphine und Kleinwale, die uns argwöhnisch beäugen, aber nicht begleiten. Sollte es am Geruch liegen?


Day 9 – Double Ouch!! Montag, 4.11.2019

Die Nacht verläuft ereignislos bei leichten bis mittleren Winden. Der Blick auf den Tracker offenbart es: Ouch, das war teuer! Die kleine Zwangspause hat mächtig gekostet, darüber hinaus waren die Boote in Luv von Madeira auch noch schneller – obwohl unsere Routings einhellig unten herum gingen. Was wussten die bloß was wir nicht wussten?
Mittlerweile haben zwei Mitbewerber, Catherine auf Eärendil und Equipe Voile Parkinson jeweils einen Pitstopp auf Madeira eingelegt, um Probleme am Ruderkopf oder mit der Aufhängung des Hydrogenerators zu fixen. Der Pitstopp ist nach Anmeldung bei der Wettfahrtleitung soweit regelkonform, muss mindestens vier Stunden dauern und die Reise darf erst an dem Punkt wieder fortgesetzt werden, an dem sie abgebrochen wurde.
Double Ouch: Mittags gibt’s Neuigkeiten von Hugo Boss. Alex fühlte sich mit dem losen Kiel unterm Boot wohl auch nicht so richtig wohl, hat seine Ballasttanks zur Stabilisierung gefüllt, die Foils ausgefahren und zur Eisensäge gegriffen. Im Ergebnis liegt die pinke Bombe jetzt auf dem Grund des Atlantiks und Alex sollte sich jeden Schritt nach Lee gut überlegen.
Zurück an Bord. Steigende Temperaturen stellen neue Herausforderungen ans Outfit, der langen Rede kurzer Sinn, die neue Iskareen Herbst-/Winterkollektion wird angeschlagen. Weite T-Shirts mit luftigen Ärmeln und markanten „Iskareen“ Schriftzügen auf Brust und Rücken sind wie bereits im Vorjahr ein modisches Muss. Dazugekommen ist dieses Jahr die ¾ Ölhose von Marinepool (Achtung, Product-Placement), mit der Arnt schon in San Remo überzeugen konnte und die den luftigen Stil weiter unterstreicht. Kombiniert wird das Ganze mit dem zeitlosen, absoluten „must have“ auf einer Class 40: Crocs, die den Kontakt zum Beine umspülenden Wasser herstellen und die Bildung von unangenehmen Gerüchen und Pilzkulturen vorbeugen. So kann es nach Brasilien gehen!


Bits&Bites
Empty! Der an Bord befindliche praktische Nachfüllkanister Sherry hat seinen letzten Schluck ausgehaucht. Hätten wir doch einen Pitstop an der Algarve zum Nachtanken eingelegt!
Hitchhiking the Ocean: Über die Klassenvereinigung erreicht uns die verschwommene Anfrage, ob auf einem emissionsfreien Segelschiff mit Ziel Europa Platz für eine junge Schwedin wäre, die zu einer Klimakonferenz gereist ist, die dann doch woanders stattfindet. Wir können eventuell eine Mitfahrgelegenheit bis Antigua bieten, aber bitte ohne die zugehörige Entourage. Ansonsten……- BORIS?
Für die im Jahr 2021 geplante Weltregatta Globe 40 gibt es nach Veranstalterangaben bereits den siebten Interessenten; dieser ist dem Vernehmen nach Deutsch, Fragen nach Team und Eigner blieben jedoch unkommentiert. Könnte da am Ende ein NRV-Stander hinten dran sein?

 

Day 8 - Ab ins Flautenloch, Sonntag, 3.11.2019

Der Tag beginnt eigentlich sehr schön mit einem Reach bei Sonnenschein, doch vormittags schlägt die Nachricht von Hugo Boss ein: Alex ist (mal wieder) irgendwo gegengefahren, Kielaufhängung muss durch sein, das Teil hängt nur noch am Hydraulikzylinder. Mitten auf dem Atlantik mit einem lose pendelnden Kiel unterm Boot, Happy Days!

Währenddessen schält sich frühmorgens erstmal Porto Santo aus dem Dunst, die Insel ist bergig mit einer markanten Silhouette hat aber dennoch schöne Strände im Gegensatz zu Madeira. Ein zaghaftes Einloggen in die örtlichen GSM-Netze, Daten gehen, aber das Telefonat zum Sonntagmorgen schlägt schief. Beim Wechsel auf den A2 lege ich ein waghalsiges Manöver hin, erst verliere ich die Bergeleine der Socke, die mit dem sich entfaltenden Spi nach oben saust, dann geht die Fallenklemme auf. Happy kurbling und zwar avanti bevor der Spi im Wasser landet! Dafür werde ich mit einem Ausflug in den Mast belohnt, erst kommt die Bergeleine runter dann gibt’s noch ein paar schöne Fotos von oben.
Später kommen voraus die Islas Desertas in Sicht, zwei Madeira südöstlich wie eine natürliche Barriere vorgelagerte Inseln, die so steil und schroff aus dem Meer emporragen, dass es nicht weiter verwundert, dass die Dinger desertado sind. Dahinter am Horizont zu erahnen Madeira, am besten immer noch an den Wolken zu erkennen, die über dem vulkanischen Eiland stehen.
Der Windschatten atlantischer Inseln ist bekanntlich erheblich. Als wir, nach Passage der Desertas jedoch in einer Entfernung von 25 sm von Madeira unverhofft ins Flautenloch laufen, sind wir doch erstaunt, wir hatten extra viel Abstand eingeplant! Die Zeit vergeht (und zwar nicht wie im Flug), der Spi liegt an Deck und das Großsegel schlägt im Geschwabbel der Wellen – welcher Segler kennt es nicht, dieses Gefühl, regungslos dazuliegen während die Konkurrenz über den virtuellen Horizont verschwindet und Meilen gutmacht ohne dass man irgendetwas tun könnte. Nach mehreren Stunden hat irgendeine höhere Macht ein Einsehen und wir können weitersegeln. Als erstes halsen wir von diesem Eiland weg, später haben wir zwar noch mit Leichtwindpatches zu tun, können den Spi aber oben lassen, bis der Wind sich irgendwann nachts stabilisiert.


Bits & Bites
Trockenfest: Das Wetter erlaubt nicht nur das Öffnen des Vorluks um unsere Tropfsteinhöhle mal zu belüften, sondern auch das Trocknen der Aufblasmatratze an Deck. Schlagartig wird unsere Behausung wieder wohnlicher!
Minis: Seit gestern ist die Flotte der Minisegler auf dem Weg von Gran Canaria nach Martinique. Wir werden sie zwar nicht mehr treffen, wurden aber vorsorglich von deren Rennleitung instruiert, bei Sicht- oder Funkkontakt auf keinen Fall irgendwelche relevanten Routing- oder Wetterdaten zu übermitteln; die Minis segeln anachronistisch mit Kurzwellenfunkgerät, über das sie auch ihre Wetterberichte empfangen, alles andere ist verboten.
Go Southwest: Die Tage werden länger, die Sonne geht später unter und früher wieder auf – Ergebnis unserer zurückgelegten Meilen gen Süden und Westen, im Ergebnis sehr angenehm!

 

Day 7 - Richtung Madeira, Samstag, 2.11.2019

Es hat aufgehört zu hämmern. Die Sonne scheint, wir laufen bei 15-20 kn mit gutem Schrick und zermartern uns den Kopf, ob wir den A5 wieder setzen sollen oder nicht. Die Sorge, durch ein zu kleines Segel Meilen zu verlieren, ist ständig dabei, insbesondere auf diesem Boot, das kleinste Unterschiede in Segelauswahl und Trimm sofort in Fahrt umsetzt. Schließlich unternehmen wir den Versuch, das Segel steht, das Boot springt vorwärts, darauf erstmal eine Zigarre! Am Ende des Glimmkolbens müssen wir leider feststellen, dass wir zwar ziemlich schnell sind, aber auch ziemlich schnell in die falsche Richtung laufen, nämlich zu tief – so kommen wir nie bei Madeira heraus. Also schnell wieder auf den Solent zurückgewechselt, mittags zieht es sich dann zu und der Wind baut weiter auf – Zeit für die Trinquette und das Reff. Die Wettermodelle sind hier derzeit leider nicht besonders verlässlich, meist verspricht das Modell 15 Knoten und wir segeln in 25-30. Teilweise sind dies lokale Effekte wie Squalls, teils scheint die Grundwindgeschwindigkeit einfach höher als prognostiziert zu sein. Nicht unwesentlich ist dabei ist der Fakt, dass wir uns am Rand des Azorenhochs befinden, dass sich derzeit in rascher Westbewegung mit dem Bermudahoch zu vereinigen versucht. Die alte Regel, dass sich Hochdruckgebiete deutlich schwerer prognostizieren lassen als Tiefs, dürfte bei den Ungenauigkeiten der Modelle mit hineinspielen.

Unterm Strich können wir aber glücklich sein, jetzt hier zu sein: Über der Biskaya tobt ein gewaltiges Sturmtief, in der Bretagne fliegen, wie der Franzose sagt, die Möwen rückwärts. Montag soll das Wetter besser werden und die Ultimes ihre Atlantikroute in Brest starten.


Bits & Bites
Aua schreit der Bauer: Die Äpfel sind zu mehlig. Aber nur die vom Supermarkt, die Äpfel aus Tina und Dirks Garten dagegen sind lecker. Vielen Dank nochmal!
Geißel der Weltmeere: Wir nähern uns Madeira, da darf natürlich der obligatorische Kreuzfahrer nicht fehlen. Aidaschießmichtot kreuzt unser Heckwasser und lässt den Horizont taghell leuchten, morgen werden mehrere tausend Kreuztouristen Funchal verunsichern, zum Essen an Land bleiben sie aber nicht, schließlich haben sie Halbpension.
Batterie voll: Seit heute Morgen surrt der Hydrogenerator, der Boatspeed, bzw. Output lässt sich dann an der Tonhöhe des Sirrens hören. Ist die Batterie mal voll, bringen leider auch die höchsten Oktaven nichts mehr, es fließt kein Strom mehr und der kleine Kerl kriegt eine Zwangspause verpasst.


Mittwoch, 30.10.2019

"Der Morgen und Vormittag finden uns beim Landeanflug auf Finisterre, Frankreichs westliches Ende. Die Welle hat sich mittlerweile auf 4-6 m aufgebaut und der Wind kommt unter einem wolkenverhangenen und regnerischen Himmel in Flagen gerne wieder auf 34 Kn hoch. Glücklicherweise halten wir tiefenmäßig die Ecke an der Nordbretagne, beim Landfall wird es etwas handiger und die Welle geht herunter. Als wir die Japaner auf „Kiho“ hinter uns erblicken, ziehen wir schnell unsere Allzweckwaffe namens A5 hoch und geben Gas. Die Japaner werden kleiner, insbesondere nachdem wir ausgerefft haben, dafür kommt vor uns die Ile d‘Ouessant in Sicht. Erinnerungen an letztes Jahr werden wach als ich hier sehenden Auges ins nächste Tief hineinfuhr. Diesmal soll es nach den vorliegenden Prognosen weniger werden. Die Ile selbst ist bewohnt, bretonische Steinhäuser reihen sich aneinander, wahrscheinlich von Fischern und/oder Touristen bewohnt. Rund um die Insel stehen gewaltige Leuchttürme, die ankommende Schiffe davor warnen, das hier die Grande Nation beginnt und sich mit allerlei Rockies umgeben hat, auf denen man vortrefflich auflaufen und krepieren kann.

Die Passage der Insel erweist sich dann auch als tricky, zwar kann man sich gut von der steinigen Küste freihalten, doch die Strömungen laufen total chaotisch und Kurs durchs Wasser und über Grund haben nicht unbedingt viel miteinander zu tun. Insofern benötigt es einen Navigateur unten am Rechner, der dem Steuermann erzählt, wo er langfahren kann. Als Sönke am Lenker sitzt, sehen wir es vor uns branden. Kurz nochmal nachkontrolliert, kann gar nicht sein, doch es brandet tatsächlich, zwei Stromkanten stehen gegeneinander und das Wasser kocht. Beim Überfahren messen wir 9,8 kn Strom – mit 14 Kn unter A5 kann man das noch Aussegeln, aber unter Motor? Wie soll das funktionieren?
Schließlich bleibt die Insel achteraus und wir segeln weiter Richtung Südwest kurz vor Dunkelwerden dreht der Wind wieder bis auf 30 Kn auf, wir nehmen den Solent heraus, den A5 herunter und ein Reff ins Groß, halbwinds jagen wir in die Nacht. Später geht der Wind dann wieder herunter und dreht etwas vorlich bis wir schließlich kreuzen.

Von zu Hause erfahren wir vom Mastbruch auf der Module Creation – das Demolition Derby hat begonnen!
Ein Freund aus Hamburg schickte uns eine Salami, eingepackt in ein schlüpfriges Herrenmagazin. Viele Dank an dieser Stelle einmal dafür. Die Lektüre (nicht der Salami) ergab einen über durchschnittlichen Bildanteil (keine Texte auf 108 Seiten aber diverse spärlich bekleidete Damen beim Baden). Aber wie heißt es so schön im knappen Vorwort „Genießen Sie es, Sie haben es selbst in der Hand..“
Unser Satellitentelefon ist bisher nur in der Lage, Anrufe und Mails zu übertragen. Kein Problem, solange man in Landnähe GSM-Abdeckung hat und das Handy für Daten verwenden kann. Damit dürfte jetzt aber erst einmal Schluss sein, insofern hoffen wir, das Problem morgen in den Griff zu bekommen."

Wir wünschen den Teams weiterhin viel Erfolg und Glück!

Will Harris und Boris Herrmann; © TEAM MALIZIA

Sönke und Arnt Bruhns kurz vor dem Start; © privat

Christiane Bruhn und Tochter Johanna sowie NRV Vorsitzender Tobias König waren zum Start in Le Havre © privat

>> Videoaufnahmen von Bord der ISKAREEN

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