Inklusives Segeln mitten in der Stadt - Verantwortung für Morgen

Der Norddeutsche Regatta Verein, startet eine weitläufige Inklusionsoffensive, die es so noch nicht gegeben hat. Nicht einzelne Inklusionsveranstaltungen stehen im Mittelpunkt, sondern der Verein verfolgt ein umfassendes Konzept mit durchdachten Booten, neuem Hafenbereich, speziellen Trainingskonzepten, eigenen Regatten und - ganz im Sinne von „Wir“ - mit einem weitverspannten Netzwerk. Unterstützung findet er dafür nicht nur in den eigenen Reihen, bei Förderern und Mäzenen des Vereins, sondern auch in der öffentlichen Hand. Die Hamburgische Bürgerschaft unterstützt das Projekt mit insgesamt 400.000 Euro. Einen entsprechenden Beschluss fasste das Landesparlament gestern am 12. Februar.

Bei der letzten Sitzung der Hamburgischen Bürgerschaft im Hamburger Rathaus vor der Bürgerschaftswahl 2020 wurden 400.000 € auf Antrag der Fraktionen SPD Hamburg und GRÜNE Hamburg für das NRV Inklusions - Projekt beschlossen. © Sven Jürgensen

Der Norddeutsche Regatta Verein geht neue Wege: Mitten in der Stadt, im schönsten Segelstadion der Welt, will der NRV inklusives Segeln ermöglichen. Unterbau dieses neuen Konzepts sind die Anschaffung neuer, speziell für das Inklusionssegeln geeigneter Boote, ein barrierefreier Umbau der bestehenden Anlage und eine Erweiterung des Jugendhafens. Überbau sind neue Trainingskonzepte, neue Kooperationen und vor allem neue Regatten. Die Inklusionsoffensive des NRV richtet sich – und auch das ist neu - generationsübergreifend an nichtbehinderte und behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie an die Senioren.


Alle an einem Strang, gemeinsam für die Inklusion in Hamburg: Tobias König, NRV Vorsitzender, Christina Göpfert, Katharina Pohle, beide Evangelische Stiftung Alsterdorf, Ingrid Körner, Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen, Juliane Timmermann, sportpolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion, Björn Lengwenus und Christian Andresen, beide Eliteschule des Sports - Schule Alter Teichweg (v.li.).

Der Segelsport hat per se ein immenses Inklusionspotential: Beim Segeln können sich Jung und Alt, Menschen mit und ohne Behinderung, schnelldenkende Mutige und nachhaltige Grübler, perfekt ergänzen. Alle sitzen in einem Boot, Behinderungen, körperliche Einschränkungen, kulturelle, geschlechtliche oder gesellschaftliche Unterschiede: Alles bleibt an Land, alle erleben sich als Mitglieder einer Mannschaft, alle haben ein gemeinsames Ziel. Bislang wurde dieses Potential allerdings sehr wenig genutzt. Das wird der NRV nun ändern: Der Segelverein mitten in der Stadt initiiert und etabliert inklusives Segeln auf einer breiten- und allgemeinsportlichen Basis.

Sven Jürgensen, Motor der neuen inklusiven Initiative im NRV, hat harte, aber sehr bereichernde Arbeit hinter sich: »Wir haben hier eine historische Chance. Politik, Stadt und Verein öffnen im Schulterschluss gemeinsam Tore, um eine ganz neue Idee inklusiven Sports zu leben. Wir realisieren eine Offensive, die auf der Zusammenarbeit und Kooperation der verschiedensten Stellen fußt. Ob Elite Schule des Sports Alter Teichweg, Evangelische Stiftung Alsterdorf, Behörden der Stadt, die Bürgerschaft, Deutscher Rollstuhl-Sportverband, aber auch unsere Nachbarn wie die RG Hansa und der Hamburger Segel-Club – gemeinsam wollen wir das inklusive Leben in Hamburg auf eine neue Stufe heben. Wir möchten ein neues Bewusstsein für das inklusive Segeln schaffen und einen Raum bieten, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Für die grandiose Unterstützung von SPD und Grünen auf Bürgerschafts- und Bezirksebenen sind wir unendlich dankbar.«

Der Weg dorthin hatte seinen Anfang im August 2019, als Bahn-Radolympiasiegerin Kristina Vogel, die Schirmherrschaft für die größte Frauenregatta der Welt - den Helga Cup - übernahm und mehr noch, ihre eigene Teilnahme ankündigte. Aus der Idee einer Helga Cup Inklusionsregatta wurde ein komplettes Konzept für den NRV, das nun als Leuchtturmprojekt Vorreiter und Beispielgeber für viele andere Vereine sein will.
Dafür schafft der NRV eine Flotte aus speziell für das Inklusionssegeln konzipierten Booten an, um sie den behinderten und nichtbehinderten Seglern und Seglerinnen zur Verfügung zu stellen. Ferner werden die Clubanlagen des NRV behindertengerecht um- und ausgebaut, inklusive barrierefreier Dusch-, WC- und Waschräume und eines speziellen Boots- und Personenkrans. Der Bootspark wird mit einem speziellen Sicherungsboot mit e-Antrieb aufgestockt und der Hafen wird für die erweiterte Jugendarbeit ausgebaut. Für die Segelausbildung und das Training auf den neuen Booten entwickelt der NRV unter Federführung prominenter Parasegler wie Heiko Kröger (11-facher Weltmeister, Olympia Gold 2000, Olympia Silber 2012) eigene Trainings- und Ausbildungskonzepte. Die Bandbreite der Ausbildung soll vom Breiten- bis hin zum Leistungssport reichen. Der NRV spricht alle Altersgruppen vom Kind bis zum Senior an und stellt sich individuell auf die verschiedenen Behinderungen und Bedürfnisse ein. Damit die Segelschüler aber auch ein Spielfeld bekommen, richtet der NRV drei große Inklusions-Regatten aus: den Helga Cup .Inklusion, mit Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel als Schirmherrin und prominenter Teilnehmerin, den Helgahard Cup. Inklusion, bei dem als weltweitgrößte Mixed Regatta außerhalb des Leistungssegelns, Behinderte und Nichtbehinderte zusammen segeln werden und als ganz besonderes Highlight die erste inklusive Weltmeisterschaft im Segelsport. Das neue Konzept des NRV überzeugte sofort den Weltsegelverband, so dass der NRV im Herbst zusammen mit World Sailing und dem Deutschen Segler Verband nun die erste inklusive Segel Weltmeisterschaft überhaupt veranstalten wird: die Inclusion Sailing World Championship. Damit wird Hamburg Austragungsort der weltweit allerersten inklusiven Segelweltmeisterschaft.
Weil Inklusion aber nicht nur Menschen ohne Behinderung mit Menschen mit Behinderung zusammenbringen will, sondern auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen - wie es eben ganz oft bei Senioren der Fall ist –, wird der NRV außerdem im August eine Ü80-Regatta austragen.
»Viele Senioren können aufgrund körperlicher Einschränkungen nicht mehr auf klassischen Booten segeln. Mit den speziellen Inklusionsbooten wird es auch für diese wieder bzw. überhaupt möglich, aufs Wasser zu kommen. Dies wollen wir mit der außergewöhnlichen Idee einer Ü80-Regatta fördern«, so Tobias König, Vorsitzender des NRV.

Ein ganz wesentlicher Bestandteil der Inklusionsoffensive des NRV ist das Thema „Gemeinsam“. Der NRV bietet seine Plattform anderen an und schafft einen Inklusions-Schwerpunkt „Wassersport“ auf der Alster.
Gemeinsam mit den Wassersportvereinen aus den Sparten Segeln, Rudern und Kanu möchte der NRV dafür eine Kooperation des inklusiven Sports in Hamburg initiieren. Durch eine enge Zusammenarbeit mit dem Deutschen Rollstuhl-Sportverband, mit inklusiven Schulen wie zum Beispiel der Eliteschule des Sports Alter Teichweg, mit der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, dem Atelier Freistil, oder den Hamburg Towers und Unterstützung durch den Hamburger Sportbund möchte der NRV das Thema »Inklusion im Wassersport« aufbauen und verbreiten.


Zusammen mehr erreichen: Tobias König, NRV Vorsitzender, Ingrid Körner, Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen, Juliane Timmermann, sportpolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion und Heiko Kröger, 11-facher Weltmeister, Olympia Gold 2000, Olympia Silber 2012

Tobias König, Vorsitzender des NRV, sieht den Verein in der gesellschaftlichen Verantwortung, einen Beitrag in der Jugendarbeit zu leisten, ein möglichst niederschwelliger Zugang ist dafür wichtig: »Inklusion gehört ganz eng verwoben auch mit Integration. Über Kooperationen, wie mit den Hamburg Towers, bekommen Kinder aus ganz anderen sozialen Milieus Zugang zum Segeln. In der Jugendarbeit des NRV geht es nicht nur um das Erlernen der seglerischen Kompetenzen, sondern ganz klar auch um die Förderung und Entwicklung der Kinder zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten. Wir wollen Mädchen und Jungen gleichberechtigt zur Selbstbestimmung befähigen, zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und sozialem Engagement anregen und ihnen einen ressourcenschonenden und bewussten Umgang mit der Natur und dem anvertrauten Material vorleben.«
Der NRV will mit seiner gesamten Inklusionsoffensive ein Leuchtturm hinsichtlich Inklusion und Integration werden, der als Vorreiter viele andere Vereine entweder mit ins Boot holt oder / und einen vorbildlichen Weg beschreiten möchte.

Gunter Persiehl (NRV Kommodore) freut sich, dass dieser Leuchtturmcharakter auch von außen wahrgenommen wird: „Es ist die größte Freude, dass uns die öffentliche Hand verstanden hat, dass wir als Vorbild für die Jugend und insbesondere für das inklusive Segeln vorangehen können. Dafür sind wir der Hamburgischen Bürgerschaft unendlich dankbar!“


Von Links nach Rechts: Claudia Langenhan, René Gögge, Christiane Blömeke, Gunter Persiehl, Eberhard Wienholt, Klaus Lahme und Volker Ernst © Sven Jürgensen

Den Beschluss, die Inklusionsoffensive des NRV so umfassend zu fördern, fasste die Hamburgische Bürgerschaft in ihrer Sitzung vom 12. Februar. Die Rot-Grünen Regierungsfraktionen hatten dafür einen Bürgerschaftsantrag eingereicht, den NRV mit bis zu 400.000 Euro aus dem „Sanierungsfonds Hamburg 2020“ zu unterstützen. Auf Bezirksebene hatten Grüne und SPD Mitte Januar in der Bezirksversammlung Nord schon eine eigene Fördersumme von 85.000 Euro beschlossen.

»Mit den vom NRV jetzt angestoßenen Regatten für Inklusionssegler entstehen Sportstätten und Wettkämpfe, die viele verschiedene Menschen im Segelsport zusammenbringen. Das zeigt, warum es so wichtig ist, dass der inklusive und barrierefreie Ausbau von Sportstätten nicht vor Bootsstegen haltmacht. Sport verbindet und hält zusammen. Daher freue ich mich sehr, dass die Unterstützung für das Projekt durch alle Ebenen geht und wir gemeinsam mit dem Bezirk Hamburg-Nord den inklusiven Sport auch auf dem Wasser weiter voranbringen können.«, so Juliane Timmermann, sportpolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion.

René Gögge, Wahlkreisabgeordneter für Barmbek, Uhlenhorst und Dulsberg der Grünen Bürgerschaftsfraktion betont auch den integrativen Aspekt dieser Offensive für alle Altersklassen bishin in den Seniorenbereich: „Wir Grüne sehen uns in der gesellschaftliche Verpflichtung, alle Bereiche des Lebens auch für Menschen mit körperlichen Einschränkungen zugänglich zu machen. Nachdem der Norddeutsche Regatta Verein sich auf den Weg machte, Vorreiter beim inklusiven Segeln zu werden, war eine Förderung für uns selbstverständlich. Im Übrigen ist das auch angesichts der demografischen Entwicklung ein folgerichtiger Schritt – Menschen sollen im Alter ihren Sport nicht aufgeben müssen.“

Die Arbeiten für den Umbau des Hafens sollen demnächst beginnen. Mit den ersten Frühlingsstrahlen werden dann auch die barrierefreien Umbauten in Angriff genommen. Mit Beginn der Trainingssaison plant der Norddeutsche Regatta Verein im April eine große Pressekonferenz zur Vorstellung der neuen Boote vor Ort. Der Termin wird noch bekannt gegeben.