Eine Grenzerfahrung im 49er

Hamburg, den 11. März 2010: NRV Olympic Teammitglied Tobias Schadewaldt berichtet über seinen dramatischen Trainingsunfall vor Mallorca bei Starkwind und hohem Wellengang. Mit seinem detaillierten Bericht möchte Tobias Schadewaldt helfen, Risiken für derartige Unfälle für die Zukunft zu minimieren.

"Damit wir bei unserem ersten Weltcup der Saison, der Princess Sofia Trophy,  gleich richtig durchstarten können, haben Hannes Baumann und ich uns zu Jahresbeginn in zwei intensiven Trainingslagern auf Mallorca vorbereitet. Für jeweils zehn Tage trainierten wir  mit anderen deutschen und internationalen 49er Teams in der Bucht von Palma.

Neben dem Manövertraining bei viel Wind  waren verbesserte Manöverabläufe in engen Situationen auf dem Regattakurs zu den Zielen unserer Saisonvorbereitung.  Nicht nur unsere Trainingspartner, sondern auch Wettergott Rasmus verlangte uns physisch und mental alles ab. Zeitweise blies der Wind mit Stärke fünf und mehr. Insgesamt sind wir rund 40 Stunden vor Mallorca gesegelt und bestimmt doppelt so oft gekentert.

Im Prinzip ist eine Kenterung im 49er kein Problem und für uns schon zur Routine geworden. Am Donnerstag, den 13. Februar kamen wir allerdings nicht mit den üblichen blauen Flecken davon.

Wir hatten an diesem Tag ordentlich Wellengang und etwa 22 Knoten Wind aus südlichen Richtungen. Bei einer Kenterung nach einem Stecker wurde Hannes vor das Schiff geschleudert. Ich blieb am Mast hängen. Nachdem wir uns kurz berappelt hatten, konnten wir uns noch darüber austauschen, dass die Welle wohl doch etwas zu steil war, bevor mich plötzlich etwas unter Wasser zog. Im ersten Moment verstand ich nicht was passiert war und wollte wieder auftauchen. Doch das ging nicht!

Ich hatte mich in den Schoten verhakt. Durch den Bootsrumpf über mir, war es ziemlich dunkel unter Wasser und der Wellengang schüttelte mich zudem ordentlich durch. Hannes kam mir zu Hilfe und versuchte mich an die Oberfläche zu ziehen. Doch auch er konnte mich nicht befreien.

Die Atemnot wurde für mich immer bedrohlicher. Hannes handelte dann wie es ein Schutzengel nicht besser hätte machen können und gab mir per Mund zu Mund Beatmung Sauerstoff.  Ganz am Anfang unserer Partnerschaft hatten wir einmal über einen solchen Ernstfall gesprochen und ich war froh, dass Hannes so handelte. Die Gefahr war allerdings nicht gebannt.

Hannes tauchte  auf, um  sich selber neue Luft zu holen. Ich war wieder alleine unten und kann mich ziemlich genau an das Bild erinnern, das sich mir in dieser Zeit bot: Die Wasseroberfläche war weniger als einen Meter entfernt - und doch so unendlich weit weg…

Als Hannes erneut bei mir war,  zerrten wir beide mit allen verbliebenen Kräften an den Schoten, damit ich auftauchen konnte. Nach insgesamt etwa 30-40 Sekunden unter Wasser hatten wir es endlich geschafft. Ich bekam wieder Luft. Der Zug nach unten blieb allerdings so straff und stark, dass ich nur gelegentlich an die Oberfläche kam.  Erst jetzt stieg zum ersten Mal richtige Panik in mir auf.

In amerikanischen Action-Filmen gibt es eine Foltermethode, die „Water Boarding“ genannt wird. Im Nachhinein kam es mir ein wenig so vor. Ich hatte Todesangst, aber gleichzeitig war das Wichtigste geschafft: ich hatte neuen Sauerstoff. Nach einer kurzen Andeutung von mir reagierte Hannes blitzschnell und zerrte an meiner Trapezhose - dem Auslöser des Übels. Hannes gab wirklich alles und überdehnte sich bei der Aktion das Daumengrundgelenk. Nach einigen Minuten, die mir wie Stunden vorkamen, war es geschafft. Hannes half  mir auf das gekenterte Schiff und ich war gerettet.

Mein Vorschoter hat mir durch seine sofortige Reaktion und sein perfektes Handeln das Leben gerettet, dafür bin ich ihm unendlich dankbar.

Am Schiff ist bei der Aktion nichts kaputt gegangen, bei Hannes nur der Daumen, bei mir etwas mehr. Es dauerte einige Zeit, bis an Land die Schmerzen einsetzten. Dann bekam ich Atemprobleme. Einige Wirbel hatten sich verschoben und auch mein Zwerchfell war etwas aus der Bahn geworfen worden. Wir flogen am folgenden  Tag zurück nach Kiel, gingen aber vorher noch einmal bei leichtem Wind aufs Wasser. Das war zwar anstrengend für uns, aber kein mentales Problem.

Ich habe dieses Erlebnis erst einige Tage nach dem Unfall aufgeschrieben, weil es Zeit brauchte, bis ich die erlebte Grenzerfahrung angemessen verarbeitet hatte.

Als Hannes und ich in der letzten Woche zum ersten Mal wieder bei viel Wind segelten, war ich schon neugierig, wie ich mich fühlen würde. Ich hatte zu keiner Zeit Panik! Auch nicht, wenn ich wieder einmal durch die Luft gewirbelt wurde. Mehr Respekt und etwas Angst hatte ich wohl. Ich war auch deutlich vorsichtiger, wenn das Boot kenterte. Wie sich dieses Gefühl in den kommenden Regatten auswirken wird, weiß ich noch nicht. Ich bin aber zuversichtlich, dass es sich mit der Zeit normalisiert.

Mit dem sprichwörtlichen „blauen Auge“ davon gekommen zu sein, wird für uns nicht ohne Konsequenzen bleiben:  Wir werden künftig immer ein Messer dabei haben und feste Regeln, wie wir uns nach einer Kenterung verhalten.

Ich  persönlich bin dankbarer für die schönen Dinge im Leben geworden. Als Regattasegler bleibe ich jetzt bei Kleinigkeiten manchmal gelassener, weil ich eine neue Perspektive gewonnen habe. Bei viel Wind werde ich dafür nicht mehr so furchtlos wie vorher agieren. Hannes und ich sind als Team gestärkt und näher zusammengerückt. Für mich ist sogar eine tiefere Art von Vertrauen entstanden.

Für jeden Leser, der das Segeln auf einem 49er plant, folgender Rat: Ein Gespräch über vorbeugende Sicherheitsmaßnahmen und eine gute Vorbereitung können die Risiken heikler Situationen deutlich minimieren.  Der 49er ist ein super Schiff und macht riesig Spaß zu segeln. Hannes und ich freuen uns auf die kommende Saison mit spannenden Regatten, auch an Tagen, an denen es so richtig weht. Wir halten zusammen und dann packen wir das auch".

Von Tobias Schadewaldt