Das Leben an Bord der "Broader View Hamburg"

Mittlerweile sind die Crews der Atlantic Anniversary Regatta bereits einige Tage unterwegs und befinden sich mitten auf dem Atlantik noch rund 2.700 Seemeilen vom Ziel entfernt. Die drei Vereinsyachten "HASPA HAMBURG", "BROADER VIEW HAMBURG" und "Bank von Bremen" trennen zum Teil nur wenige Seemeilen voneinander und Jens Kellinghusens "Varuna V" sowie "Malizia" von Boris Hermann (beide NRV) führen die 15 Boote starke Flotte an. Einen spannenden Einblick in das Bordleben zeigt uns die "BROADER VIEW HAMBURG"-Crew mit den folgenden Bordberichten der vergangenen zwei Seetage:

Die Crew der "BROADER VIEW HAMBURG"; Foto: Felix Christiansen

"Wir durften bei schönsten Bedingungen vor Bermuda dieses Rennen antreten: bei 15 bis 20 Knoten südlichem Wind und strahlendem Sonnenschein herrschte bestes Fußballwetter! Die medienwirksame Up- und Downstrecke traten wir zwar eher im Langstreckenmodus an, doch gezeitet wird ja bekanntlich im Ziel. Dafür gingen wir frisch gestärkt durch Risotto à la bonheur auf die Reise, die erste von gut 60 Trockenmahlzeiten, die uns Funky Arne kurz vor Start in traumhafter Kulisse in den Narrows von Bermuda darreichte. Der perfekte Start in diese lang erwartete Regatta.

Apropos perfekter Start...nach eigentlich aussichtsreichem Nullstart gefolgt von weniger aussichtsreichen taktischen Finessen, fanden wir uns an der letzten Tonne auf die Langstrecke abbiegend im Mittelfeld wieder. Nun zogen wir Spi, und los ging die wilde Fahrt nach Cuxhaven. Schnell zogen zwar ein paar Class40 unter uns durch, die auf diesem Kurs aber bekanntlich in ihrer eigenen Welt leben. Doch "Latona", "Haspa Hamburg", "Hermes" und "Bank von Bremen" umgeben uns seit nunmehr seit knapp 30 Stunden, auch jetzt noch alle in 5 bis 15 nm Abstand zueinander und somit gleichsam in Rufweite.

Das Wachsystem traten wir ab 16.00h Local Time an. Alle zehn Mann rotieren wie die Patronen eines Revolvers in Bonanza, und stündlich wird ein frischer Mann an Deck gefeuert. In liebevoller Erinnerung an unseren Countrymusik liebenden Liegeplatznachbarn auf Bermuda, dessen Heckspiegel ein mexikanischer Pistolero zierte, nennen wir das System, wie unser Nachbarschiff, "El Cazador" - Der Jäger.

In der ersten Nacht bot sich uns nicht nur spektakuläres Meeresleuchten, sondern auch ein unfassbar schöner Sternenhimmel, somit hatten unsere Hobbyastrologen ("ist das der Mond? - "Nein, das ist der Mars....") ihre wahre Freude. Zwei kleinere Gewitter kamen nicht in unsere Nähe, so dass wir unter Spinnaker bei 18 bis 23 Kn Wind gut Strecke machen konnten und die ersten von bis jetzt einigen Geschwindigkeitsrekorden aufgestellt wurden. Trotz eines vielversprechenden Sonnenaufgangs inmitten fliegender Fische begann die Morgenwache mit dem ersten Regen seit über einer Woche. Es flaute bald ab, dann briste es auf.

Trotz seines fortgeschrittenen Lebensalters kam es plötzlich und unverhofft, dass der große Spinnaker mit 1,5 Uz. Tuchstärke abrupt seinen letzten Atemzug tat und sich wortlos bei einer Bö mit 24kn Wind aus seinen betagten Liken verabschiedete. Leb wohl, alter Freund, Du gingst zu früh, und wir kannten uns viel zu kurz. Den Rest unserer Reise ohne den großen Spi auszukommen, ist für uns natürlich ein kleiner Rückschlag. Daher hoffen wir darauf, dass Neptun uns hold bleibt und die richtigen Bedingungen für die anderen modischen Highlights der Garderobe unserer "Broader View" schickt. Warten wir es ab. Der kleine Bruder des Verschiedenen macht seine Sache bislang gut, und so grüßen wir aus der Abendsonne bei 26 Grad Wasser-, 28 Grad Außen-, und tropischen 38 Grad Bordinnentemperatur. Der Wassermacher schnurrt wie ein junges Kätzchen, und sein technischer Ziehvater grinst wie ein Honigkuchenpferd. Wir wünschen euch eine schöne Woche!

Eure Broader View Hamburg Crew, Felix Christiansen (Zuletzt geändert: 11:55 Uhr)


Foto: Felix Christiansen

Der zweite Seetag verabschiedete sich recht kitschig mit einem prächtigen, zweifachen Regenbogen und obskuren Wolkenformationen im glühenden Sonnenuntergang. Es fehlten lediglich die tanzenden Einhörner. Aber gut. Wir klagen hier auf hohem Niveau. Regenbögen, so heißt es ja, entstehen dort, wo dann auch Regen ist. Wir meinen: das stimmt. Gegen halb eins, bei stockfinsterer Nacht und unter abgesehen vom sintflutartigen Regen recht handelbaren Bedingungen um die 20 Kn Wind, erkannten wir, gerade rechtzeitig, eine aktenkofferähnliche Wolkenformation schemenhaft am Himmel. Sofort bargen wir die Genua, gerade noch rechtzeitig. Denn nun klappte Neptun schnalzend seinen Aktenkoffer auf, und es fielen gut 40 Kn Wind heraus. Diese brachten uns auf den bisherigen Topspeed von 19 Kn Fahrt durchs Wasser raumschots, und das nur unter Großsegel. Respektvoll setzen wir uns zu Neptun an den Verhandlungstisch und legten ihm beruhigt unsere Aktenlage dar. Das ihm vorgelegte Reff hielt seinen folgenden Konterversuchen stand: Noch sechs oder sieben Mal schickte uns der Meeresgott Regen, dann Wind, Dreher, Regen, Wind, Dreher usw. So verbrachten wir den Rest der Nacht unter gerefftem Groß bei Rauschefahrt gen Heimat bis es gegen 4 Uhr langsam aufhellte, wir die Genua setzten und ausreffen konnten. Bei diesem Manöver stellten wir fest, dass Neptun nachts auch seine Gefährten, die fliegenden Fische entsandt hatte, die wie Fliegen auf einer Windschutzscheibe überall an Deck verteilt lagen. Die armen Viecher. Man stelle sich vor: Da springst Du nachts aus dem Atlantik, um Dich vor Deinen natürlichen Fressfeinden zu retten und knallst gewissermaßen gegen einen Rennwagen, der zufällig auf Deiner Spur unterwegs ist.

Der folgende Tag entschädigte uns für die Strapazen im Vollwaschgang der vergangenen Nacht. Strahlender Sonnenschein, gut 20 Kn Wind von Achtern und auf gleichmäßiger Welle neue Speed-Rekorde unter Spi, aktuell 21 Kn durchs Wasser. Wir trockneten unsere Klamotten und backten frisches Brot. Eigenartig, wenn jemand im Manöver kurz Eile gebietet, da ja das Brot im Ofen sei. So ging es munter durch den Tag. Nur eine herannahende ca. 30 Seemeilen große Böenwalze, von deren unhöflichen Geschwistern wir nachts wahrlich genug hatten, veranlasste uns dazu, kurz rechts ran zu fahren, auf dem Standstreifen unter Genua 2 bei nur 14 Kn Speed abzuwettern und das frisch gebackene Brot mit Salami und Käse zu verkosten, eine willkommene Abwechslung und als "Amuse geuille" zum abendlichen Chicken Tikka Massala aus der Tüte ein echter Hingucker. 

Mittlerweile habe wir alle Hände voll zu tun, die feuchtigkeitsbedingt ausgelösten Schwimmwesten neu zu packen. Alle paar Stunden macht es in irgendeiner Ecke "pffffffff", und das Spiel geht von vorne los. Trotz Freizeitstress an Herd und Deck gelang es uns, die Trackerdaten der anderen Yachten herunterzuladen, und so kommt ein bisschen Übersicht in die Gemengelage. Wir finden uns auf dem Großkreis in nicht einmal schlechter Position, was die ohnehin gute Stimmung hochhält. "Rambler" scheint umgekehrt zu sein, wir hoffen, es sind alle wohlauf. Bei uns sind alle gesund und munter, abgesehen von Arnes gebrochenen Zeh. Passt auf Euch auf und Euch allen eine gute Reise.

Eure Broader View Hamburg-Crew