08.02.2011 14:05

Mit dem „Folterboot“ von A nach B – oder von der Alster nach Bequia

Die NRV-Mitglieder Gyde und Maximilian Riedl wagten letztes Jahr das Abenteuer „Atlantiküberquerung“ – mit einem Folkeboot. Von September bis Dezember 2010 segelten sie von Portugal aus bis in die Karibik. Nun berichten sie vom anderen Ende des „Großen Teichs“, bevor sie Mitte März nach Hamburg zurückkehren:

"Fira" in der Karibik

Die Sonne geht am Horizont des Atlantiks auf

Gutes Wetter (li.) gegen schlechtes Wetter

Nur zwei Tage ohne Wind

„Eigentlich stehen die Buchstaben für Abmessungen und Budget, denn das waren die ausschlaggebenden Gründe, warum wir uns für ein 35 Jahre altes internationales Folkeboot aus Schweden zur Überquerung des Atlantiks entschieden. Nebenbei bemerkt,  haben Folkeboote schon in den 60er und 70er Jahren den Atlantik in verschiedenen Richtungen überquert und ihre Hochseetauglichkeit bewiesen. Unser zeitliches Fenster war ebenfalls begrenzt auf September 2010 bis März 2011. Das Boot musste auf einen Drachentrailer passen, um in die Biskaya verlegt zu werden und in einen 40 Fuß-Container für den späteren Transport am Ende der Reise zurück nach Hamburg.

Drei Tage braucht man mit einem guten Zugfahrzeug von Hamburg bis Lagos in Südportugal und drei Wochen bis man von dort lossegeln kann. Ein Sturmtief – entgegen der sonst üblichen Nordwinde – folgte dem nächsten und ließ uns erst Mitte Oktober in Porto Santo nördlich von Madeira mit „Fira“ einlaufen. Diese ersten 500 Seemeilen auf dem Atlantik zeigten uns, dass Etappen von 120 Seemeilen relativ leicht und bis zu 140 Seemeilen mit „Fira“ durchaus machbar sind. Sie zeigten aber auch, dass man den Komfort dabei mit dem, in einem Zweimannzelt während eines schlechten Sommers in Dänemark vergleichen kann. Erfahrene Segler „warnten“ uns davor und sprachen vom „Folterboot“. Einige Dinge im Leben muss man aber selbst herausfinden…

Wir segelten über die Blumeninsel Madeira weiter Richtung Süden, hielten in Lanzarote, Fuerteventura und Gran Canaria. In Las Palmas trafen wir ein NRV-Clubmitglied, Christoph von Reibnitz. Christoph nahm  mit seiner „Peter von Seestermühe“ an der „Atlantic Rally for Cruisers“ teil, lud uns spontan auf einen Kaffee und seine wunderschön restaurierte Yacht ein und gab uns viele Tipps für die Karibik mit auf den Weg. Von Lagos an waren wir Teil einer internationalen Karawane von Seglern, die alle das gleiche Ziel vor Augen hatten. Zum „Sundowner“ waren wir auf der ganzen Reise selten allein. An einem Abend sitzen zehn Personen aus fünf Nationen auf „Fira“. Ab fünf Personen müssen die Selbstlenzer im Cockpit geschlossen werden, sonst gibt’s nasse Füße.

Dann war es endlich soweit: am 01. Dezember 2010 ergab sich ein Wetterfenster und es ging los von Port Mogan auf Gran Canaria Richtung Kapverdische Inseln, dicht entlang an der afrikanischen Küste, da der Wind dort zu dem Zeitpunkt noch am beständigsten weht. Pro Tag auf See kerbten wir einen Strich in die  Teakholzblende am Niedergang. Alle zwei Tage luden wir Winddateien herunter und stimmten so unsere Kurse optimal auf das Wetter ab. Für uns als Ostsee- und Alstersegler trafen wir hier ganz andere, ungewohnte Entscheidungen „Lass uns mal lieber noch 100 Seemeilen Richtung Süden laufen und dann halsen...“. Das ist fast die halbe Strecke Göteborg – Travemünde. Nach neun Tagen passierten wir ungefähr mittig die Kap Verden und widerstanden den Sirenengesängen, die uns an Land locken wollten. Es lief gerade so gut und wir machten unsere ersten Meilen Richtung Westen, was uns sehr motivierte. Damit begann die eigentliche Überquerung.

Die nächsten 18 Tage waren davon geprägt, dass wir all das erlebten und sahen was Blauwassersegeln ausmacht: Angefangen beim Meeresleuchten, sternenklaren Nächten, allem möglichen Getier unterm Kiel und auch an Deck, bis hin zu einem Gespür für die enorme Weite dieses Ozeans! Wir lernten „Fira“ und uns an Wind und Wellen anzupassen. Die sind hier jetzt von anderen Dimensionen. Manchmal sieht es so aus wie Schleswig-Holstein im Frühjahr, bloß dass der Raps blau blüht... Wir verbringen Weihnachten mit einem Plastikbaum und echtem Kunstschnee aus der Dose auf See.

Insgesamt hatten wir viel Glück mit dem Wetter und nie mehr als 25 Knoten Wind sowie nur zwei reine Flautentage. Dafür konnten wir an einigen Tagen 20 Stunden am Stück unter Spinnaker segeln oder erreichten bei viel Wind kurzfristig über elf Knoten im „Surf“ die langen Atlantikwellen hinunter. Diese Erlebnisse bleiben und wiegen die Nächte in einer feuchten Koje auf. Apropos feuchte Koje: Nach 27 geschnitzten Strichen im Teakholz und 3.150 Seemeilen auf See kamen wir am 28. Dezember 2010 erschöpft, aber glücklich, in Port Elizabeth auf Bequia in den Grenadinen (Teil der Kleinen Antillen) an und bezogen noch am selben Tag für eine Woche ein großes, trockenes ortsfestes Bett in einem Hotel. Seitdem erholen wir uns in der sehenswerten Inselwelt der Grenadinen. Nächstes Ziel sind jetzt die Leeward Islands im Norden, während wir uns parallel dazu schon um den Rücktransport von „Fira“ und uns selbst kümmern.

Es geht eben immer noch mit kleinen(m) a und kleinem b.“

Viele Grüße nach Hamburg,
Gyde und Max

P.S.: Wir freuen uns auch schon wieder auf´s Braunwassersegeln auf der Alster.