03.06.2009

Mythos Transatlantik als großes Finale

Start der letzten Etappe am Donnerstag (4. Juni) um 16.30 Uhr

CHARLESTON.  Mehr als 25.000 Seemeilen, das sind 46.000 Kilometer, haben die Weltumsegler im Portimão Global Ocean Race schon hinter sich. Da wirken die letzten 3.500 Seemeilen der Finaletappe über den Atlantik, die am Donnerstag (4. Juni) um 10.30 Uhr Ortszeit (16.30 Uhr deutscher Zeit) in Charleston/USA gestartet wird, wie ein Katzensprung. Und obwohl Boris Herrmann (28) und Felix Oehme (27) mit ihrer Yacht „Beluga Racer“ der Gesamtsieg praktisch nicht mehr zu nehmen ist, hat es das fünfte Teilstück der Hochseeregatta noch einmal in sich. In knapp drei Wochen will die Mannschaft aus Kiel und Hamburg ihren glorreichen Auftritt mit einem Erfolg im portugiesischen Zielhafen Portimão krönen.

„Wir könnten uns zwar zurücklehnen und ganz gemütlich über den Atlantik schippern“, so Skipper Boris Herrmann, „aber das liegt uns völlig fern. Wir wollen nochmal richtig Gas geben und auch das Finale gewinnen.“ Schließlich ist der letzte Zieleinlauf einer Regatta rund um die Welt immer besonders symbolträchtig. Das jedenfalls betonen auch die Chilenen Felipe Cubillos und José Muñoz. Nachdem sie mit ihrer „Desafio de Cabo Hornos“ der „Beluga Racer“ in drei von vier Etappen unterlegen waren und dadurch in der Gesamtwertung mit sieben Punkten Rückstand auf verlorenem Posten stehen, wollen sie den Deutschen am Ende nicht nur den Schneid abkaufen. Ihr erklärtes Ziel ist sogar, mehr als 22 Stunden vor Herrmann/Oehme einzulaufen, um die Erde in der Summe am schnellsten umrundet zu haben.

Doch das ungebrochene Selbstbewusstsein der Südamerikaner, das zuletzt Züge von Übermut annahm, perlt an der norddeutschen Kühle ab. „Die Jungs sind schon echte Motivationskünstler“, gibt Co-Skipper Felix Oehme zu, „aber wir werden uns nicht so einfach abhängen lassen.“ In der zurückliegenden vierten Etappe von Ilhabela in Brasilien nach South Carolina kitzelte die Crew der „Beluga Racer“ ein neues, noch höheres Geschwindigkeitspotential als zuvor erkannt aus der blauen Class40-Yacht heraus und machte bis dahin vermutete, konstruktionsbedingte Nachteile bei halbem Wind (von der Seite) wett. Mit 9,28 Knoten (gut 17 km/h) im Durchschnitt und über weite Strecken mehr als 14 Knoten Bootsspeed erzielte das Beluga Offshore Sailing Team einen neuen Rekord.

„Gleichwohl werden wir die Transatlantiketappe mit gebührendem Respekt absolvieren, denn die Bedingungen können dort deutlich rauer und gefährlicher werden als in der Karibik“, erklärt Boris Herrmann. Aus Sicherheitsgründen hat die Regattaleitung zwischen dem 40. und 50. Längengrad West in Höhe des 41. Breitengrads Nord eine Eisgrenze festgelegt, die nördlich nicht überschritten werden darf, weil dort mit Treibeis zu rechnen ist. Als tückisch gilt die Neufundlandbank (engl. Grand Banks), wo es durch das Aufeinandertreffen des kalten Labradorstroms mit dem warmen Golfstrom oft zu Nebelbänken kommt und Stürme die Wellen besonders hoch auftürmen. Am 11. September 1995 wurde das Passagierschiff „Queen Elizabeth 2“ hier von einer 33 Meter hohen Monsterwelle getroffen.

Umso sorgfältiger haben die Teams ihre „Rennziegen“ in den Tagen vor dem Start gewartet. Noch einmal wurden Segel, Rigg, Ruderanlage und die gesamte Technik an Bord auf Herz und Nieren geprüft. „Wir haben noch eine Selbststeueranlage im Service“, so Boris Herrmann, „aber die wird auch rechtzeitig fertig. Ansonsten ist alles im Lot, und die Vorstartzeichen stehen auf Grün.“ Der Re-Start war um vier Tage verschoben worden, weil der belgische Solosegler Michel Kleinjans nach einer Kollision mit einem Containerfrachter noch Reparaturen an seiner „Roaring Forty“ zu erledigen hatte. Doch alle Konkurrenten sind inzwischen startklar.

Auch auf der letzten Etappe gibt es noch ein Wertungstor, an dem die Ersten zwei Punkte bekommen, die Zweiten 1,5 und die Dritten einen Zähler. Es ist eine gedachte Linie entlang des 45. Längengrads West und zwar zwischen dem 39. Breitengrad Nord und der Eisgrenze. Eine Vorentscheidung über den Etappensieg ist erst gegen Ende zu erwarten, weil voraussichtlich das typische Azorenhoch mit schwachen Winden „im Weg“ liegt. Herrmann: „Die Umfahrung dürfte die größte taktische Herausforderung werden.“